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 Betreff des Beitrags: Ein kleiner Einblick ins Play
 Beitrag Verfasst: 25.09.2008, 17:59 
Frühlingsgöttin
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Ein kleiner Einblick ins Play

Hier gewähren wir euch einen kleinen Einblick in das Geschehen in unserem Forum. Wir haben uns bemüht, schöne und manchmal repräsentative Szenen der verschiedenen Stände herauszusuchen. Viel Spaß beim Lesen! :)
Falls ihr euch noch genauer umsehen wollt, könnt ihr beim Team unter Nennung einer Kontaktmöglichkeit das Passwort für unseren Gastaccount erfragen (Fragenthread).

Die Themen
- Die Comyn
- Die Vasallen
- Comyn und Vasallen
- Die Türme
- Die Entsagenden
- Die Bürgerlichen


Zuletzt geändert von Evanda am 25.09.2008, 18:00, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags:
 Beitrag Verfasst: 25.09.2008, 18:02 
Frühlingsgöttin
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Die Comyn

Dies ist ein Teil eines Gespräches zwischen dem Kronprinzen Reyes Elhalyn und Jeremy Hastur. Sie unterhalten sich über die bevorstehende Ausbildung ihrer Söhne in dem Turm Arilinn.

Reyes Elhalyn
Auf Reyes Gesicht zeigte sich ehrliche Freude, als Jeremy ihm erzählte, dass Manuella und er eine Tochter erwarteten. Nach zwei Söhnen war eine Tochter für seine Cousine sicher wie ein Geschenk. Unwillkürlich wanderten seine Gedanken zu den Kindern, die er mit Edana zusammen haben würde und sein Lächeln wurde noch eine Spur strahlender.
"Eine Tochter! Das ist aber schön. Ihr freut euch sicher sehr darüber! Bitte sagt mir Bescheid, wenn sie geboren wurde. Ich freue mich schon darauf, das jüngste Mitglied unserer Familie kennenlernen zu dürfen."

Nach diesem Austausch von Höflichkeiten kam Reyes zum Grund des Besuches. Jeremy hatte ihm auch schon einen passenden Anfang geliefert.
"Regis hat die Schwellenkrankheit, nicht wahr. Ich hoffe, es geht ihm schon besser. Das ist auch der Anlass für unser Gespräch. Vielleicht wundert Ihr Euch, dass ich von der Schwellenkrankheit weiß. Mein Sohn Danilo hat sie auch und die leronis des Thendara-Turms erwähnte den Zustand von Regis. Nun, ich beabsichtige Danilo nach Arilinn zu schicken, damit er dort standesgemäß ausgebildet werden kann. Ich wollte Euch fragen, für welchen Turm Ihr Euch entschieden habt. Wenn Ihr Regis auch nach Arilinn schickt, schlage ich vor, dass die beiden Jungen zusammen reisen. So ist es sicherer für beide und man spart Kosten, da nicht zwei Reisen organisiert werden müssen."
Abwartend lehnte Reyes sich zurück und ließ seinen Verwandten das Angebot durchdenken. Dabei beobachtete er Jeremys Gesicht, um zu sehen, ob dieser es für anmaßend hielt, dass Reyes seinen nedestro in einem offiziellen Zug nach Arilinn schicken wollte. Ganz zu schweigen davon, dass er mit einem legitimen Sohn eines hochgestellten Lords reisen sollte.


Jeremy Hastur
Auch ohne Laran hätte Jeremy Reyes Ehrlichkeit gespürt. Aber mit war sie nicht zu verhehlen, obwohl der Hastur sich noch immer stark abschirmte. Der Prinz hatte sich schon immer gut mit den Kindern von Jer und seiner Frau verstanden, aber so wie eben hatte er noch nie reagiert. Jeremy erinnerte sich, dass Reyes sich bald verloben würde und musste sich ein Lächeln verkneifen. Der Prinz wurde also häuslich. Den König freute dies sicher.

"Manuella ist schon ganz aufgeregt und stickt die ganze Zeit an kleinen Kleidchen. Und ich freue mich auch über eine Tochter. Natürlich geben wir Euch Bescheid, wenn die Kleine geboren wurde. Ihr könnt uns dann besuchen, sobald es möglich ist!"

Erstaunt nahm der Hastur den ernsten Teil des Gesprächs zur Kenntnis. Zuerst war er von der Tasache überrascht, dass der Prinz über den Zustand von Regis informiert war. Sprach sich so etwas wirklich im Schloss herum? Jeremy war beruhigt, als er erfuhr, dass dem nicht so war. Aber er musste zugeben, dass er Danilo und die anderen nedestro des Prinzen vollkommen vergessen hatte. Er wusste natürlich, dass es sie gab. Nur deshalb hatte Reyes so lange unverheiratet bleiben können. Aber wie alt sie waren, hatte ihn nie interessiert. Also hatte der Älteste ebenfalls die Schwellenkrankheit. Dem Prinzen und seinem Vater war das sicher sehr recht.
Aber noch überraschter war er von Reyes Angebot. Jer hätte nicht erwartet, dass der Prinz seinen Sohn mit Jeremys Sohn würde reisen lassen. Auch wenn Danilo nur ein nedestro war. Er schien Laran zu haben und ohne einen legitimen Sohn war er der nächste Thronfolger. Der Hastur fühlte sich geehrt.

"Hat Danilo die Schwellenkrankheit gut überstanden? Ich hoffe, sie war nicht so schwer. Regis hatte einige heftige Tage, aber er erholt sich im Moment wieder. Ich habe meinem Sohn die Entscheidung überlassen, in welchen Turm er gehen will und er möchte nach Arilinn. Ich fühle mich geehrt und nehme Eurer Angebot die beiden Jungen zusammen reisen zu lassen, gerne an. Es ist eine gute Idee. Die Leronis meinte allerdings, dass Regis erst in sechs bis sieben Tagen reisen kann. Ich hoffe, das ist Euch nicht zu spät."

Reyes Elhalyn
Nicht ein einziges Mal wankte Jeremys ausdruckloser Gesichtsausdruck, aber trotzdem hatte Reyes nicht das Gefühl, als wären die Worte des Hastur reine Höflichkeit. Er schien sich von dem Angebot wirklich geehrt zu fühlen und sah Danilos Status nicht als Makel, der auf Regis abfärben könnte. Der Prinz war zufrieden. Er hatte den Hastur richtig eingeschätzt.
"Nein, Danilo hat es nicht so stark erwischt. Er hat nur Kopfschmerzen und manchmal Schwindelanfälle, aber sein Leben war nie in Gefahr. Es freut mich zu hören, dass auch Regis die Schwelle überstanden hat. Und es ist kein Problem, dass er erst in sieben Tagen reisen kann. Die leronis meinte zwar, mein Sohn könne schon in höchstens vier Tagen reisen, aber es schadet nichts, wenn er noch ein bisschen zu Hause bleibt. Seinen Pflegeeltern wird das sicherlich sehr recht sein. Ich schlage vor, wir planen den Beginn der Reise in acht Tagen. Dann ist auch Regis weit genug genesen, um ohne größere Probleme reiten zu können. Lord Jeremy, darf ich Euch bitten, dass Ihr Euch um die Planung der Reise kümmert? Meine bevorstehende Verlobung raubt mir einen großen Teil meiner Zeit und auch wenn ich es nicht gerne zugebe: mein verletztes Bein behindert mich doch sehr. Natürlich kündige ich Arilinn die Ankunft unserer Söhne an. Immerhin ist der Comyn-Turm hier im Schloss und es ist kein großer Zeitaufwand den leronyn dort Bescheid zu geben."

Als er von seinem Bein redete, hatte Reyes nicht verhindern können, dass sich ein genervter Zug um seinen Mund bildete. Er versuchte es krampfhaft zu vergessen, aber seine Ärzte und seine Schwester hatten recht. Es war ihm nicht möglich, lange Strecken zu gehen und zur Vorbereitung einer Reise musste man mindestens einmal persönlich hinunter in die Stadt, um sich alles anzugucken. So eine Strecke konnte er auf seinen Krücken nicht zurücklegen. Aber der Prinz war sich sicher, dass Jeremy für die Reise seines Sohnes alles nur erdenkliche beachten würde. Und auch für Danilos Sicherheit würde der Hastur sorgen. Daher fiel es Reyes nicht schwer, diese Verantwortung aus der Hand zu geben.

Jeremy Hastur
Der Prinz überraschte Jeremy immer wieder. Nicht nur, dass er vorschlug ihre Söhne sollten zusammen reisen, er überließ die Planung dieser Reise auch noch Jeremy. Er vertraute ihm also genug, die Sicherheit des nächsten Thronerben in die Hände des Hastur zu legen. Auch wenn er dieses Vertrauen vielleicht nur wegen seiner Stellung als Ehemann der Cousine des Prinzen hatte, Jeremy bedeutete es viel. Es zeigte ihm, dass er trotz seiner dunklen Gedanken und seiner Mutter bei anderen Comyn angesehen war. Er hatte sein Geheimnis also wahren können. Und abgesehen davon, es stärkte Jeremys Selbstbewusstsein, das seine Mutter mehr als zerstört hatte.

"Natürlich kümmere ich mich um die Vorbereitungen der Reise. Ihr braucht Euch keine Sorgen machen. Ich werde um die Sicherheit Eures Sohnes genauso besorgt sein, wie um die meines Sohnes. Ihr habt mein Wort als Hastur, dass ich alles tun werde, damit Danilo heil in Arilinn ankommt."
Er sah Reyes direkt und offen in die Augen, damit dieser die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit seiner Worte erkennen konnte. Erst dann redete er weiter.

Dem Hastur war die Reaktion des Prinzen nicht entgangen, als dieser von seinem verletzten Bein sprach. Jeremy meinte sich erinnern zu können, dass es bei einem Reitunfall passiert war. Es war von einer leichteren Verletzung die Rede gewesen, aber so leicht, wie verlautet wurde, war sie scheinbar doch nicht. Trotzdem reagierte er nicht darauf, denn Reyes Verhalten warnte ihn, dass es sich um eine heikle Sache handelte. Die angesprochene Verlobung aber würde er nun ansprechen. Er hatte mit Manuella schon schriftlich gratuliert, aber es wäre unhöflich gewesen, nach den Worten des Prinzen nicht darauf einzugehen.
"Und meinen persönlichen Glückwunsch zu Eurer bevorstehenden Verlobung. Es ist sicher viel Arbeit, aber für so etwas lohnt es sich immer." Er erwähnte nicht, dass er seine eigene Verlobung nicht vorbereitet hatte. Darum hatte sich seine Mutter gekümmert.
"Aber ich danke Euch für Euer Angebot Arilinn zu benachrichtigen. Es wäre für mich wirklich aufwändiger als für Euch."

Reyes Elhalyn
Mit dieser Reaktion Jeremys hatte Reyes nicht gerechnet, aber es zeigte ihm wieder, dass er sich nicht in dem Mann getäuscht hatte. Er hatte den Eid eines Hastur abgelegt, dass er alles für Danilos Sicherheit tun würde. Auch wenn der Prinz niemals soviel von seinem Verwandten gefordert hätte, konnte er nicht leugnen, dass er sich nun besser fühlte. Er hatte die Sicherheit seines Sohnes in fähige Hände gegeben, auf die er sich vollkommen verlassen konnte. Ein Hastur würde sein Wort nie brechen. Ohne sich dessen vollkommen bewusst zu sein, entspannte sich Reyes. Die Bitte an seinen Verwandten war ihm schwerer gefallen, als er wusste.

"Ich danke Euch, Verwandter!" schlug er einen familiäreren Ton an. "Ich wusste schon vorher, dass ich mich auf Euer Wort verlassen kann, aber es bedeutet mir viel, dass Ihr mit dem Wort eines Hastur für die Sicherheit meines Sohnes einsteht. Nicht viele würden das für einen nedestro des Prinzen tun. Besonders nicht, wenn deren Söhne so nah an der Thronfolge sind wie Eure, falls ich unerwartet sterben sollte."

Tief durchatmend schloss Reyes dieses Thema ab und lächelte, als Jeremy ihm zu seiner bevorstehenden Verlobung mit Edana gratulierte. Auch wenn er momentan täglich mindestens zehn Gratulationen bekam, bedeutete jede von ihnen eine willkommene Erinnerung an seine Liebe.
"Ja, diese Arbeit wird sich sicher lohnen. Ich habe mich wohl noch nie so auf Mittsommer gefreut wie dieses Jahr. Werdet Ihr auch auf dem Ball sein?" läutete der Prinz die Phase der Verabschiedung ein, in der wieder Höflichkeiten ausgetauscht wurden, bevor man sich trennte.




Und auch die Comyn-Frauen dürfen nicht zu kurz kommen. Dies ist ein Teil eines Gespräches, welches das Domänenoberhaupt Elorie Aillard mit Lady Ferrika Aldaran-Syrtis führt, als sich die beiden zufällig im Schlossgarten treffen. Neben der oberflächlichen Unterhaltung über das Wetter, Landaufenthalte, Kleider, Bälle und Kinder versuchen sich die Ladys gegenseitig so viele Informationen wie möglich zu entlocken.

Ferrika Aldaran-Syrtis
Die Themen blieben seicht, wie man es wohl von Frauen selbst ihres Standes erwartete. Untereinander sah das schon ganz anders aus, doch Ferrika hatte nicht vor, dieses Gespräch zu vertiefen. "Was die Stoffe und die Farben angeht, bin ich mir bereits sicher." Sie würde in den Familienfarben ihres Geburtshauses erscheinen. Das darin enthaltene Schwarz musste genügen, um ihrem verstorbenen Gatten auf dem ersten Mittsommerball ohne ihn Respekt zu zollen. "Der passende Schnitt wird sich rechtzeitig ergeben. Im Augenblick bin ich eher mit den Vorbereitungen für meine Verwandte beschäftigt", warf sie Elorie ein weiteres Bröckchen hin, auch wenn es voll und ganz der Wahrheit entsprach. Die Aldaran-Tochter wusste, was ihr gut stand. Sie konnte sich falls nötig spontan entscheiden oder es ganz Irina überlassen. Briana würde weitaus mehr ihrer Zeit erfordern, doch das war ein Wagnis, das sie zu gerne auf sich nahm.

Sie machte einen weiteren Knicks, als die Lady Aillard ihr Beileid aussprach. Es traf sie längst nicht mehr, dass Timas nicht mehr bei ihr war, doch war es dennoch tröstlich zu hören, dass auch andere seiner gedachten - und wenn es nur aus Höflichkeit war. Er war ein guter Ehemann gewesen, auch wenn sie als Witwe nun wieder mehr Freiheiten genießen konnte. Unter anderem, keine Catenas mehr zu tragen. Auch mit dem Ablegen des Kupferreifes hatte sie so lange gewartet, wie es die Schicklichkeit verlangte. Man sagte sich nicht am Totenbett von seinem Gatten los. Das Kleid hatte sie verbrennen lassen, doch das Zeichen ihrer Vermählung war noch einige Wochen an ihrem Handgelenk zu sehen gewesen. Dann war es nur noch die Erinnerung gewesen - und ihr Name -, die sie an Timas band. Sie hoffte, dass sich vielleicht einige der Männer auf dem Ball darauf besannen, dass sie nun wieder unverheiratet war. Doch Ferrika war auf keine schnelle Affaire aus. Sie würde nur zum ersten Mal seit langem wieder die Schmeicheleien genießen können. Auch wenn ihr die Lady Aillard eine andere Erinnerung fast schmerzlich wieder vor Augen führte. Sie hatte noch nichts über die Anwesenheit eines bestimmten Mannes gehört, doch sie würde es auch nicht in Erfahrung bringen. Keinem anderen als Irina traute sie solche Diskretion zu, aber auch Irina würde sie es nicht erzählen. Briana würde der Blickfang an ihrer Seite sein, dafür würde die Syrtis-Witwe schon sorgen. So blieb ihr mehr Zeit für einen persönlichen Triumph als über eine mögliche Niederlage nachzudenken.

"In der Tat. Ich hoffe, wir werden beide dazu genügend Gelegenheit finden. Wie ich hörte, haben sich einige Veränderungen ergeben. Zudem bin ich neugierig, welche neuen Gesichter sich das erste Mal auf dem Parkett zeigen werden." Eine Möglichkeit, unversprochene junge Frauen und Männer in der Öffentlichkeit zu zeigen und vielleicht schon eine mögliche Hochzeit zu arrangieren. Auch dazu wurde der Mittsommerball gerne genutzt. Es versprach in der Tat ein aufregendes Ereignis zu werden. Sie hätte sich wohl kein besseres Jahr überlegen können, wieder am gesellschaftlichen Trubel teilzunehmen. Doch es war nicht allein Timas' Tod, durch den sie diese Entscheidung getroffen hatte. Ereignisse aus vergangenen Tagen waren lange genug verjährt, um aus dem Schatten wieder in das Licht von Thendara zu treten. Spitzen und Intrigen, Schmeicheleien und Klatsch, genau das hatte sie vermisst...

Elorie Aillard
Mit nichtssagendem Gesichtsausdruck nahm Elorie die weitere Information über die ominöse Verwandte Ferrikas hin. Das hieß aber nicht, dass sie die neue Erkenntnis nicht analysierte. Wenn sich die Aldaran für ihre Verwandte um die Vorbereitungen zum Ball kümmern musste, konnte es verschiedene Dinge bedeuten. Die junge Frau war in jedem Fall vollkommen unerfahren in dem Umgang mit Feierlichkeiten in der Größe des Mittsommerballs. Sie war wahrscheinlich noch nie in Thendara gewesen und stammte aus einer Familie, die entweder keinen Wert auf diese gesellschaftlichen Höhepunkte legte oder die nicht genügend Geld hatte, um sich einen Auftritt zu leisten. Wenn es eine nahe Verwandte war, hatte sich Ferrika ihrer bestimmt angenommen, um ihr eine Chance zu geben, sich auf gehobenen Parkett zu profilieren. Es war aber auch möglich, dass die Familie der jungen Frau, Ferrika um diese Möglichkeit für die Tochter gebeten hatte. Von weitem hatte sie recht hübsch gewirkt, also stand vielleicht auch der Wunsch nach einem Ehemann hinter dem Auftritt auf dem Ball.
So oder so, die Aillard würde es spätestens am Abend des Mittsommerballs erfahren, wenn ihr nicht vorher schon Dinge zugetragen wurden.

"Dann seid Ihr mir in dieser Hinsicht voraus", meinte Elorie mit einem leichten Lächeln, was alles bedeuten konnte. Wirkliche Anerkennung oder der dezente Hinweis, dass es nur der unwichtige Bereich der Kleiderauswahl war, in dem Ferrika die Nase möglicherweise vorn hatte. Andererseits kam er nicht auf die Schnelle der Auswahl an. Wichtig war, was man am Ende tatsächlich trug.
"Ich brauche immer viel zu lange, um mich zu entscheiden. Wenigstens habe ich es bis jetzt glücklicherweise immer rechtzeitig geschafft." Bei diesem Satz war das Lächeln ein wenig aufrichtiger geworden.

Dem Knicks der Syrtis-Witwe begegnete Elorie mit einem kurzen Senken des Kopfes, bevor sie sich wieder dem Gespräch über den Ball widmete. Ferrika sprach genau die Dinge an, die auch die Aillard interessierten. Es war immer spannend zu sehen, wie sich die Debütanten bei ihrem ersten Mal schlugen. Und zu beobachten, wie sich kürzlich verheiratete oder einander versprochene Paare verhielten, blieb ebenfalls immer ein Höhepunkt. Ganz zu schweigen von den schon lange verheirateten Paaren, bei denen absolut keine Liebe mehr vorhanden war. So wie bei Darran und mir! erinnerte sich Elorie ein wenig traurig, was ihr natürlich nicht anzusehen war. Sie hatte gelernt, mit dieser Tatsache zu leben und sie vor Außenstehenden so weit wie möglich zu verbergen.

"Viele der Absolventen der Kadetten werden sicherlich vorgestellt. Und die meisten der Mädchen, die gerade in ein Alter gekommen sind, in dem man sie verheiraten kann. Es wird auch interessant sein, den Sohn Eures Bruders kennenzulernen! Oder kommt er nicht mit auf den Ball?"
Der Zustand und vor allem die Kinderlosigkeit der Ehe von Padric Aldaran und seiner Frau war schon lange ein Gesprächsthema. Das Auftauchen eines unehelichen Sohnes, der nun die Erbschaft über die Domäne übernehmen würde, verschaffte der Angelegenheit eine willkommene Würze.
"Ein Höhepunkt wird die Verlobung meines Neffen mit dem MacAran-Mädchen sein. Ich hatte erwartet, dass Eure Schwester, die Hastur-Tochter oder auch die ältere Alton-Tochter die Wahl der Elhalyn gewesen wären. Wie man so hört, hat den Kronprinzen jedoch eine stürmische Liebe erfasst. Und da das Mädchen wohl mit Laran begabt ist, hat der König es wahrscheinlich vorgezogen, seinen Sohn nicht zu drängen. Nachher heiratet der Prinz nie."

Elorie war das Vergnügen über die unerwartete Botschaft der Verlobung des Kronprinzen mit einer niederen Vasallentochter anzumerken. Dabei ging es ihr nur zu einem sehr geringen Teil darum, dass den drei Comyn-Familien eine fette Beute durch die Lappen gegangen war. Vielmehr amüsierte sie sich über den Hintergrund dieser Verbindung. Rafael musste tatsächlich fürchten, sein Sohn würde diese oder keine heiraten. Und auch wenn der Prinz zwei lebende nedestro-Söhne hatte, von denen einer gerade sogar im Turm ausgebildet wurde, wollte der König ganz sicher auch eheliche Nachkommen des Thronfolgers. Da war eine willige, mit Laran begabte Frau so gut wie die andere.

Ferrika Aldaran-Syrtis
Die Lady Aillard teilte ihren Gedankengang. Junge Männer, die nun offiziell in die Gesellschaft eingeführt wurden und auch gleich als potentielle Ehegatten vorgestellt wurden. Und ebenso die jungen Frauen, die man mit den gleichen Worten anpreisen konnte wie eine Stute auf dem Pferdemarkt. Ferrika war sehr froh, dass dieser Krug an ihr vorübergegangen war. Als Aldaran-Tochter konnte man noch sicher sein, gut verheiratet zu werden und musste sich nicht selbst bei anderen Häusern anbiedern. Und inzwischen war sie aus dem Alter heraus, in dem sie unbedingt neu verheiratet werden musste. Sofern Padric nicht auf die Idee kam, seine Schwester wieder aus dem Haus zu haben... Doch das konnte sie sich nicht wirklich vorstellen. Ihr Verhältnis war nicht das Beste, doch - wie sie mit einem Schmunzeln feststellte - sie genoss immernoch das Privileg, seine ältere Schwester zu sein. Es mochte auch für Briana einmal vonnutzen sein, sofern die Leronis es nach dem Ball vielleicht doch vorzog, bei ihrer Familie zu bleiben.
Bei dem Gedanken wurde das Schmunzeln noch eine Spur breiter, so dass man es schon als ein Lächeln deuten konnte. Aus welchen Gründen sie wohl dachte oder gar hoffte, dass Briana nicht so bald nach Neskaya zurückkehren würde?

"Ich bin mir recht sicher, dass Lewis auf dem Ball erscheinen wird, sofern es seine Pflichten bei den Kadetten zulassen." In ihrer Generation schien ihre Familie wirklich nicht mit Kindern gesegnet zu sein. Ferrika hatte ihr einziges Kind vor vielen Jahren verloren, woran sie die Aillard schmerzlich erinnerte. Doch gab sie weiterhin Timas die Schuld, auch wenn jenes Ereignis lange verjährt war... Auch die Ehe ihres Bruders war kinderlos gelieben, und so lange würde ein Nedestro als Erbe der Aldaran ernannt werden. Ginevra lebte im Turm und sofern sie es zu verhindern wusste, würde auch sie keine Kinder bekommen. Wieder kam ihr Briana in den Sinn, ihre Halbschwester war wohl ihre letzte Hoffnung. Doch auch sie war eine Leronis... Vielleicht würden ein paar Gebete zu Evanda und Aldones helfen, doch das hatte ihre Schwägerin mit Sicherheit schon längst versucht. Noch war Ellendara nicht zu alt, um eigene Kinder zu empfangen. Man konnte nur hoffen, dass die Götter in den nächsten jahren etwas gnädiger mit ihrem Haus umsprangen. Ferrika glaubte nicht mehr daran, noch eigene Kinder bekommen zu können. Es war eine bittere Wahrheit, die sie nur allzu selten zuließ, und in ihrem Innern reizte es sie über alle Maßen, dass ausgerechnet Elorie sie wieder daran erinnert hatte. Doch die Syrtis-Witwe wahrte ihre Fassung. Es war zu lange her und sie hatte zu lange keinen Grund mehr gehabt, daran zu denken. Das Leben hatte zu viel zu bieten, um deswegen schwermütig zu werden.

Zudem hob gerade ein anderes Gesprächsthema die Laune der beiden Frauen. Die bevorstehende Verlobung zwischen dem Kronprinzen Reyes Elhalyn und der widerspenstigen Edana MacAran. Gleich wie sehr man versucht hatte, es geheim zu halten, eine solche Neuigkeit konnte sich nur wie ein Lauffeuer verbreiten. Als Ferrika davon erfahren hatte, hatte sie es zunächst für einen Scherz gehalten und danach nur milde darüber gelächelt. Selbstverständlich hatte sie auch gehört, unter welchen Umständen Edana nach Thendara gekommen war und dass sie beileibe nicht mit ihrer Familie angereist war. Jene Damisela mochte eine stolze Frau sein und das Herz des Kronprinzen erobert haben, doch gehörte sie zu jener Sorte Frau, die sich mit aller Macht und gegen jede Vernunft gegen die Traditionen auflehnten, statt in ihnen aufzugehen und so ihre Freiheiten zu erlangen. Ferrika fragte sich, ob eine solche Ehe glücklich werden konnte, zumal auch der Prinz für seine Sturheit bekannt war. Es würde der Tag kommen, an dem auch seine zukünftige Frau diese Sturheit zu spüren bekam, und dann mochten die einst so Verliebten ihre Entscheidung bereuen.

Es hatte sie nicht wirklich gestört, dass Ginevra nicht die Auserwählte des Königs geworden war. Dem Haus Aldaran mochte so eine mächtige Verbindung durch die Finger gleiten, doch die Domna war Schwester genug, Ginevra nicht aus dem Leben im Turm reißen zu wollen, in dem sie anscheinend ihre Erfüllung gefunden hatte. "Hätte man vorher ahnen können, dass auch jemand wie das Haus MacAran eine Chance hätte" - sie sagte es nicht abfällig, jedoch des Standesunterschiedes bewusst - "hätten wohl mehrere Domyn ihre Töchter in die Waagschale geworfen. Doch wo die Liebe hinfällt...", fügte sie mit vielsagendem Lächeln hinzu. Wie vormals Elories konnte es vieles bedeuten. Junge Liebe war immer ein Grund zur Freude, doch wenn sie solche politischen Ausmaße hatte, genügte junge Liebe nicht, um eine solche Bindung zu festigen. "Euer Schwager hat sicherlich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt." Dennoch blieb Ferrika skeptisch. Doch sie wollte auch nicht zu hart mit der jungen Frau sein. Immerhin war erst vor kurzer Zeit die Domna MacAran verstorben. Damisela Edana würde auf dem Mittsommerball von genügend Augen angestarrt werden. Man konnte für sie eigentlich nur hoffen, dass ihr Verlobter ihr in dieser Lage eine Stütze war, hatte er doch vor dem König durchgesetzt, keine Tochter der Domänen zu heiraten.

Elorie Aillard
Mit einem Nicken reagierte Elorie auf Ferrikas Ankündigung, dass ihr Neffe wahrscheinlich auf dem Ball erscheinen würde. Die Lady Aillard würde den jungen Mann zwar auch bei der Ratsversammlung sehen, auf der er offiziell zum Erben von Aldaran ernannt werden würde, aber dort gab es ein Protokoll, in dem man Lewis schulen konnte, so dass er keine Fehler machte. Auf einem Ball jedoch gab es trotz der festen Abläufe immer genügend überraschende Ereignisse. Es würde interessant sein, wie der nedestro-Erbe auf solche Situationen reagierte. Wie man hörte, stammte seine Mutter nicht aus den besten Verhältnissen und Lewis war nie mit den Umgangsformen des Adels aufgewachsen. Die kurze Zeit bei den Kadetten mochte ihm einiges beigebracht haben, doch Elorie bezweifelte, dass er ohne einen Fauxpas über den Abend kam. Sie würde es ihm nicht negativ anrechnen. Die Etikette war streng und aus eigener Erfahrung wusste die Aillard, wie lange es brauchte, um sie vollkommen zu beherrschen. Sie würde jedoch aufmerksam registrieren, wie lange Lewis brauchte, um seiner Rolle gerecht zu werden. Oder ob er es jemals schaffte.

Gleiches galt für Edana MacAran. Die Verlobung mit dem Kronprinzen brachte sie in eine Situation, in der sich nur wenige Frauen befanden und auf die noch weniger vorbereitet waren. Anfangs würde Elorie die unvermeidlichen Fehler wohlwollend übersehen, aber sie erwartete auch, dass die junge MacAran schnell ihre neue Stellung ausfüllte. Anderes war für die di catenas-Ehefrau des zukünftigen Königs einfach undenkbar.
"Oder die Comyn ohne Töchter in geeignetem Alter die Töchter ihrer Vasallen", führte die Aillard die Aufzählung Ferrikas fort. Bei solchen Entscheidungen wie einem Bündnis mit dem Königshaus hatte eigentlich keine Comyn-Familie Skrupel, ihre Vasallen miteinzuspannen. Man erließ ihnen ein paar Abgaben, wies sie auf die Vorteile einer Tochter oder eines Sohnes als Ehepartner eines Elhalyn hin und machte ebenso deutlich, dass eine Absage Konsequenzen hatte. Keine der niederen Adligen würde einer solchen Aufforderung viel Gegenwehr entgegensetzen, da wirklich beide von der Abrede profitierten. Meistens blieb es nämlich nicht nur bei der Ehe. Mit einer solchen Hochzeit kamen auch die Privilegien für die Verwandschaft: Geld, Verbindungen, gehobene Familien als Pflegefamilien für die Kinder...die Aufzählung konnte man beliebig fortsetzen.

Elories Gedanken kehrten wieder zu dem Gespräch mit Ferrika zurück. Der letzten Aussage der Aldaran konnte sie nicht unbedingt zustimmen, doch laut aussprechen würde sie es niemals. Es war nicht gut, wenn man öffentlich an dem König zweifelte. Die Lady Aillard hatte sich im Stillen jedoch schon häufig darüber gewundert, wie viele Freiheiten der König seinen Kindern ließ. Beide waren weit über 20 und noch unverheiratet. Es gab zwar zwei nedestro-Söhne als Absicherung, aber sie waren eben keine ehelichen Kinder. Wie konnte man nur die Thronfolge dergestalt aufs Spiel setzen?
"Die MacAran hat Laran, was dem König sicherlich eine Entscheidungshilfe war. Ein Thronfolger ohne Laran wäre nicht ideal. Doch den Falken wollen wir fliegen lassen, wenn seine Schwingen gewachsen sind", erwiderte sie recht nichtssagend auf Ferrikas Worte.
Sehr lange würde das Gespräch mit der Aldaran nicht mehr andauern, schätzte Elorie. Ihnen gingen die seichten Themen aus und Ernstere würde sie mit dieser Frau nicht besprechen. Freundlich lächelnd merkte sie deswegen an:
"Ich habe meine Begleiterin an der letzten Biegung zurückgelassen. Die Arme stirbt sicherlich langsam vor Neugier." Die Ironie in der Stimme der Aillard war nicht zu überhören.
"Ich fürchte, ich muss mich von Euch verabschieden, um ihrer Familie diesen Verdruss zu ersparen. Es war wie immer eine Freude mit Euch zu sprechen! Domna Ferrika!"
Leicht senkte Elorie den Kopf und wartete nur noch auf Ferrikas Ehrbezeugung, bevor sie sich auf den Rückweg zu Diotima machte.

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 Beitrag Verfasst: 25.09.2008, 18:03 
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Die Vasallen

Der Vasallensohn Rumal Delleray ist bei der Garde und hat einige Wochen Urlaub, die er auf dem Gut seiner Familie in der Domäne Aldaran verbringt.

Rumal Delleray
Lachend rannte Rumal den kleinen Zwillingen hinterher. Sie spielten gerade fangen und, wie sollte es anders sein, Rumal musste die Zwillinge fangen.
Natürlich rannte er extra langsam und tat so, als ob er die Richtungsänderungen der Kinder nicht so schnell mitmachen konnte. Jeder seiner Stolperschritte wurde mit einem Glucksen der beiden Wirbelwinde belohnt. Nach einiger Zeit, in der er natürlich niemanden gefangen hatte, lief er immer langsamer und ließ wie ein erschöpfter Hund die Zunge hängen.
"Wartet, ihr beiden. Ich...kann...doch...nicht...mehr!" japste er und plumpste auf den Boden. Wieder erntete er eine Lachsalve und er musste nicht lange warten bis sich die Zwillinge heulend auf ihn stürzten. Hilflos fiel er auf die Seite und ließ zu, dass er durchgekitzelt wurde. Erst nach einiger Zeit startete er seine Gegenoffensive und fuhr plötzlich hoch. Ehe sich die Zwillinge versahen, hatte er beide gepackt und begann nun seinerseits sie zu kitzeln. Beide johlten los und wanden sich unter seinen Händen. Obwohl er gute Lust hatte, weiterzumachen, hörte er bald mit dem Kitzeln auf und ließ Gnade vor Recht ergehen.
"So ihr beiden! Jetzt ist Schluss! Was soll denn unsere Mutter dazu sagen, wenn sie sieht, wie wir hier auf dem Boden herumrollen."
Leider wussten die Zwillinge wie wenig ernst er diesen Ausspruch meinte und promt kam auch der Protest.
"Aber Rumal!!!" tönte es im Chor und dann fuhr Marguerida fort. "Das machen wir doch so oft und Mama hat noch nie gemeckert. Außerdem bist du doch dabei!!"
Groß sahen ihn ein graues und ein blaues Augenpaar an und er resignierte.
"Ja, ich weiß. Aber ihr müsst einem alten Mann auch mal eine Pause gönnen." Bevor Widerspruch ertönen konnte, tat Rumal so, als ob er ein alter, gebrechlicher Mann wäre. "Geht in die Küche. Ich glaube die Köchin hat gerade Kuchen gebacken!"
Das musste er nicht zweimal sagen. Ohne zu zögern standen die Kinder auf und rannten Hand in Hand in die Küche. Rumal atmete auf. Er spielte zwar gerne mit Kindern, aber manchmal wurde es selbst ihm zu viel und er wünschte sich eine Pause.
Langsam erhob er sich vom Boden, strich seine Kleider glatt und säuberte sie notdürftig vom Staub des Bodens. Bald gab er auf und ließ Dreck Dreck sein. Er lenkte seine Schritte an den Rand des Hofes, wo eine improvisierte Bank stand und setzte sich. Seine Gedanken schweiften zu seiner Kindheit und den Stunden, die er mit seinen Brüdern auf diesem Hof verbracht hatte. Sie waren genauso wild wie die Zwillinge gewesen. Allerdings hatten sie keinen großen Bruder gehabt, den sie terrorisieren konnten.
Rumal lächelte. Bald würde er seine anderen Brüder und seine Schwester wiedersehen. Nach dem Ball würden alle nach Gut Delleray zurückkehren. Auch Valentin hatte angekündigt vielleicht kommen zu wollen und Rumal freute sich besonders, ihn wiederzusehen. Zu ihm hatte er schon immer eine besondere Bindung gehabt und er war gespannt, wie sich dieser im Laufe der Zeit verändert hatte.
Dann spielte er mit dem Gedanken, ob er Vale nicht einen Brief schreiben lassen sollte, in dem er ihm mitteilte, wie sehr er sich auf ihn freute. Ja, das war eine gute Idee. Rumal stand auf und machte sich auf den Weg zum gutseigenen Schreiber. Einen Brief selbst zu schreiben, wenn es nicht anders ging, würde ihm nie in den Sinn kommen.

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 Beitrag Verfasst: 25.09.2008, 18:13 
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Comyn und Vasallen

Der Vasallensohn Ethan MacAran trifft sich am Morgen mit dem Kronprinzen Reyes Elhalyn in dessen Familiensuite, um ihn beim Kauf eines neuen Pferdes zu beraten.

Reyes Elhalyn
Gerade hatte Reyes den letzten Schluck seiner zweiten Tasse Jacco getrunken, als Eduin zu ihm trat und die Ankunft Ethan MacArans meldete. Auf Reyes Gesicht legte sich ein jungenhaftes Lächeln. Es würde tatsächlich jetzt losgehen. In vielleicht nicht einmal drei Stunden hatte er wieder ein eigenes Pferd. Reyes fühlte sich genauso wie mit zehn, als er für den Ritt nach Arilinn sein erstes Pferd bekommen hatte, weil sein Pony zu klein für die Reise gewesen war.
Über sich selbst amüsiert, griff der Kronprinz nach seiner Krücke und stand auf. Eduin trug er auf, nach drei Wachen für den Geleitschutz zu schicken. So sehr er es bedauerte nicht alleine mit Ethan auf den Markt gehen zu können, es war einfach unmöglich für ihn ohne Wachen aus dem Schloss zu gehen.

Beschwingt ging Reyes zur Tür, die den kleinen Speisesaal mit dem Vorzimmer, in dem Ethan wartete, verband. Er humpelte schon weniger als heute morgen. Trotzdem entschied er sich, seinen Stock mitzunehmen. So lange Strecken zu Fuß hatte er lange nicht mehr zurückgelegt.
Die Tür öffnete sich leicht und leise, so dass kein Geräusch Reyes Ankunft verriet. Deswegen hatte der Prinz einige Sekundenbruchteile, um den MacAran zu beobachten, bevor er bemerkt wurde. Alle Türen in der Suite waren so leise. Reyes hatte nie herausgefunden, ob es Zufall war oder kluge Voraussicht seines Vaters.
Mit einem Blick erfasste der Prinz das Leinentuch, in dem er Äpfel vermutete und Ethans Massage seiner Schulter. Ersterem zollte Reyes Respekt. Er musste zugeben, dass er die Leckerli für die Pferde vergessen hätte. Letzteres erfüllte ihn mit Sorge. Hatte Ethan einen Unfall gehabt?

Mit Absicht setzte Reyes seinen Stock auf das Holz der Türschwelle auf, um seine Ankunft anzukündigen. Lächelnd ging er auf Ethan zu und neigte leicht den Kopf zur Begrüßung.
"Z'par servu, Dom Ethan. Verzeiht meine Direktheit, aber ist mit Eurer Schulter alles in Ordung?"


Ethan MacAran
Als Ethan den Kronprinzen auf sich zukommen sah, ließ er schlagartig die Hand sinken und verneigte sich leicht, als Reyes ebenfalls mit dem Kopf nickte. Er hatte ihn gar nicht kommen hören, dabei hatte er sich bemüht, nicht seinen Gedanken nachzuhängen.
"Z'par servu, Euer Hoheit. Es ist nur eine Verspannung, die ich von meinem letzten Ausritt davongetragen habe." Er war kurz versucht, noch etwas hinzuzufügen, aber damit hätte er den Prinzen wieder daran erinnert, wie sein letztes Tier ums Leben kam. Daher wählte er eine andere Richtung: "Ich habe angenommen, dass Ihr mein Angebot annehmen wolltet, daher habe ich vorgesorgt", sagte er und hob kurz das verknotete Leinentuch, so dass die Umrisse der Äpfel sichtbar wurden.


Reyes Elhalyn
Fast hätte Reyes bei Ethans Erklärung seiner Schulterschmerzen aufgeatmet. Glücklicherweise ging es dem MacAran nicht schlecht. Wenn es so gewesen wäre, hätte der Prinz Ethan zurück in seine Suite geschickt. Der Markt konnte warten. Die Gesundheit von Edanas Bruder war wichtiger. Aber all dies waren nur ferne Gedanken. Ethan ging es gut. Sie konnten sich nach einem neuen Pferd für Reyes umschauen.

"Das ist nicht schön. Ich hoffe, es geht Euch bald besser." erwiderte der Prinz. Lächelnd sprach er weiter.
"Euer Gedanke war richtig. Ich würde tatsächlich gerne Euer Angebot annehmen und mit Euch zusammen ein neues Pferd aussuchen. Deshalb entschuldigt die frühe Stunde. Ich ging davon aus, dass morgens die beste Zeit ist, um die guten Pferde zu bekommen." Und mit Blick auf das Leinentuch.
"Ich habe mir schon so etwas gedacht und muss mit Schande gestehen, dass ich Leckereien für die Tiere vergessen hätte. Edana würde mir sicher den Kopf waschen,denke ich."
Grinsend sah Reyes den MacAran an. Die Wachen waren noch nicht eingetroffen und so nutzte der Prinz die Gelegenheit die Beziehung zu seinem zukünftigen Schwager zu festigen. Außerdem war er außerordentlich guter Laune und hatte nicht viel Lust auf großes Standesgetue. Er mochte es ohnehin nicht gerne.


Ethan MacAran
Während der Kronprinz sprach, ließ Ethan so unauffällig wie möglich einmal seine Schulter kreisen. Es war nichts, was ein heißes Bad oder eine kleine Massage nicht richten würde.
"Da habt Ihr Recht, Euer Hoheit. Auch wenn ich denke, sobald Ihr Interesse an einem der Tiere bekundet, wird der Händler es nicht wagen, es zu verkaufen, bis Ihr eindeutig abgelehnt habt." Als Reyes zu grinsen begann, lächelte Ethan ebenfalls. "Ich würde nicht von Vergessen sprechen, Ihr seid doch noch hier. Und mästen wollen wir sie auch nicht, nur ein wenig ihr Vertrauen gewinnen." Er zögerte, ehe er auf die Anspielung des Prinzen einging. Er schien guter Laune zu sein und Ethans Übermüdung machte es leicht, darauf einzugehen. Trotzdem versuchte er, sich zu mäßigen. "Wenn Ihr nicht daran gedacht hättet, bestimmt. Aber Ihr habt Euch ja gerade rechtzeitig noch daran erinnert. Ich bin sicher, Edana würde Euch das nachsehen."


Reyes Elhalyn
"Da mögt Ihr Recht haben. Aber wenn wir zu spät kommen, sind keine guten Pferde mehr da, die sie für mich zurückhalten könnten. Also fürchte ich bleibt auch mir keine andere Wahl, als früh aufzustehen. Und Euch mit aus dem Bett zu reißen." Der Prinz lächelte. Bei seinen nächsten Worten wiegte er nachdenklich den Kopf.
"Ich bin noch da. Das ist richtig. Hätte ich allerdings Euer Tuch nicht gesehen, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, Äpfel mitzunehmen. Ich betrachte es aber lieber auf Eure Weise. Da komme ich besser bei weg. Wenn ich irgendwann mit Edana ein Pferd kaufen gehe, werde ich mich bestimmt an die Leckerbissen erinnern. Dann braucht sie mir nicht den Kopf zu waschen....das heißt, wenn sie mich mitnimmt, woran ich berechtigte Zweifel hege."

Der Prinz grinste wieder, winkte einen der Diener heran und trug ihm auf ein paar Äpfel und Möhren zu bringen. Dieser eilte zurück ins Frühstückszimmer und kam bald darauf mit dem Gewünschten zurück. Auch er hatte es in ein Leinentuch eingeschlagen, welches er dem Prinzen mit einer Verbeugung reichte.
"Dankeschön! Ah, die Wachen sind da." Eduin war in die Suite getreten und nickte Reyes zu. Der Kronprinz wandte sich an Ethan.
"Dann können wir jetzt los, wenn nicht noch etwas fehlt." Er machte eine Geste, dass der MacAran vorausgehen sollte und trat nach diesem aus der Suite. Die drei Wachen in der Uniform der Garde, die draußen gewartet hatten, schlossen sich ihnen an.


Ethan MacAran
Ethan wusste nicht, woher es kam, doch in diesem Moment empfand er Mitleid mit dem Kronprinzen. Reyes war ein guter, liebevoller Mensch, und in der kurzen Zeit, in der er ihn persönlich kannte, hatte er schon viel zuviel Sympathie entwickelt, als es normalerweise möglich gewesen wäre. Und doch tat er ihm Leid.
Er war als Thronfolger erzogen worden, vermutlich hatte er nie die Gelegenheit gehabt, sich derart mit einem Tier zu beschäftigen. Sein letzter Hengst hatte einen besonderen Platz in seinem Herzen, was nicht bedeuten musste, dass ihm die gleiche innige Beziehung ermöglicht war wie Ethan zu Dancer, wie sie fast jeder MacAran empfand - ob er nun mit der Familiengabe gesegnet worden war oder nicht.
Trotz seiner eigenen Erziehung, das wurde Ethan plötzlich klar, war immer noch etwas von dem ausgelassenen Jungen in ihm, der nichts höher stellen konnte als den Geruch nach Pferdestall und einen wohl platzierten Strohhalm in seinen Haaren. Es lag nicht nur im Blut seiner Familie. Er war mit dieser Freiheit groß geworden. Reyes mochte das Wissen darüber haben. Aber ob er es tatsächlich nachempfinden konnte, war etwas, dessen Ergründung Ethan nicht zustand.

Er versuchte dennoch die Zweifel des Prinzen zu zerstreuen: "Vielleicht gerade um Euch einzubläuen, dass Ihr solche Leckereien nie wieder vergesst, wird sie euch mitnehmen. Und unter uns, Euer Hoheit..." Für jemanden ohne die MacAran-Gabe war es schwer, nachzuvollziehen, wie sich ein Mensch derart in ein Tier hineinversetzen konnte - aber es war nicht unmöglich. "Durch Eure Verbindung zu meiner Schwester wird es Euch sicher auch möglich sein, ihre Begeisterung zu begreifen." Wie genau, ließ er zunächst offen.

Die Stimmung des Prinzen schien jedenfalls nicht gänzlich getrübt. Ein Diener trat heran und meldete, dass vor der Suite eine Eskorte bereitstand. Ethan gefiel es nicht ganz, so viel Aufsehen zu erregen, aber für den zukünftigen König von Darkover war es nötig, und es würde sicherlich auch ein gutes Licht auf seine Familie werfen (und die Verlobung mit Edana nicht allzu ungewöhnlich erscheinen lassen), wenn er sich mit ihm in der Öffentlichkeit zeigte.
Nun galt es nur noch, ein gutes Pferd zu finden. Und das am Besten möglichst schnell. Die Müdigkeit machte sich langsam wieder bemerkbar. Sobald er den Prinzen ruhigen Gewissens mit seinem neuen Pferd allein lassen konnte, würde er den Rest des tages wohl im Bett verbringen...

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 Beitrag Verfasst: 25.09.2008, 18:14 
Frühlingsgöttin
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Die Türme

Kurz nach ihrer Ankunft in den Türmen werden alle Novizen auf ihre mentalen Gaben hin geprüft. In dieser Szene aus Arlinn prüft der aus Neskaya stammende Unterbewahrer Rian Alton y Leynier den Jungen Regis Elhalyn.

Rian Alton y Leynier
Auf der Treppe zum Gemeinschaftsraum begegnete Rian Elorie, die sich aus der anderen Richtung dem Gemeinschaftsraum näherte. Der Unterbewahrer neigte höflich den Kopf, während die Erste Technikerin ihn fröhlich anlächelte.
"Ben dia, Rian. Bereit mit den Prüfungen der Gaben zu beginnen?"
Emotionslos sah der Alton Elorie an. An seiner Fähigkeit Novizen zu prüfen, gab es keinen Zweifel, aber er wusste, die Erste betrieb nur Konversation. Mit der aus langer Erfahrung erwachsenden Routine ließ Rian sich auf das Gespräch ein.
"Ja, ich war heute morgen spazieren und habe mich mit einer Meditation eingestimmt. Es spricht nichts dagegen gleich zu beginnen."
"Hervorragend", freute sich Elorie und ging auf die Tür des Gemeinschaftsraumes zu. "Wenn alle Novizen da sind und gefühstückt haben, fangen wir an."

Rian folgte der Ersten, die ihm lächelnd die Tür aufhielt, in den Gemeinschaftsraum. Mit einem Blick erfasste er die Anwesenheit der drei zukünftigen Novizen, die mit seiner Cousine an einem Tisch saßen und frühstückten. Langsam gingen der Unterbewahrer und Elorie auf diesen Tisch zu. Auf dem Weg begrüßte Rian die übrigen Kreismitglieder und auch Carolin, der am Frühstücksbuffet stand und sich seinen Teller füllte.
Freundlich lächelnd näherte die Erste Technikerin sich den drei Neuankömmlingen und der Überwacherin, der sie zur Begrüßung die Hand leicht auf die Schulter legte.
"Ben dia, Sonea, Danilo, Regis. Ich hoffe, ihr habt eure erste Nacht in Arilinn gut überstanden! Wir ich euch gestern bereits angekündigt hatte, findet heute die Prüfung auf eure Gaben und das Aushändigen eurer Matrizen statt. Wie ich sehe, seid ihr alle bald mit dem Frühstücken durch. Wenn Fianna nichts dagegen hat, nehmen Rian und ich euch gleich einzeln mit zu der Sofaecke dort drüben. Ihr braucht keine Angst zu haben. Von der Prüfung werdet ihr überhaupt nichts mitbekommen. Möchte einer von euch anfangen und schon mit mir mitkommen?" Aufmunternd lächelte Elorie in die Runde.

Der Unterbewahrer hatte den zukünftigen Novizen und Fianna zwar kurz zugenickt, hielt sich aber wie gestern im Hintergrund und überließ Elorie das Reden. Er würde sich ihren Anordnungen unterwerfen und warten, wie sie ihn einsetzen wollte.
Die lockere Art der Ersten fand Rians Zustimmung. In Neskaya, wie wohl in allen Türmen, waren die jungen Menschen vor ihrem ersten, richtigen Kontakt mit Laran sehr nervös. Eine entspannte Leronis half eine Menge, dass neue Novizen besser und ruhiger an ihre Aufgabe herangingen. So wurde es auch einfacher, die Gabenprüfung durchzuführen, da sich die Novizen nicht mehr darauf konzentrierten, was alles Schlimmes passieren konnte. Manchmal verkrampften sie sogar so sehr, dass der Versuch, die Matrix zum Leuchten zu bringen, einen erneuten Anfall der Schwellenkrankheit auslöste. Elories Umgang mit den Novizen verringerte dieses Risiko erheblich. Der Alton respektierte die Erste für ihre Fähigkeit, mit den Neuankömmlingen zurechtzukommen und ihnen die Scheu vor der Prüfung zu nehmen.


Regis Elhalyn
Fianna erzählte Regis nicht nur, wer der Mann war, der Danilo begleitet hatte, sondern auch noch ein paar Details. Zwar hatte Regis von Valentins Schalk noch nichts mitbekommen, aber er nahm sich vor, an Fiannas Worte zu denken, wenn es so weit sein sollte. Erst einmal widmete sich der Junge seinem Essen und genau in dem Moment, in dem Carolin den Gemeinschaftsraum betrat, wanderte das letzte Stück in seinen Mund. Erstaunt bemerkte er, dass der Bewahrer nicht seine Robe trug. Regis hatte nicht gewusst, dass die leronyn im Turm auch 'normale' Kleidung trugen.
Aufmerksam verfolgte sein Blick den Weg des Bewahrers durch den Gemeinschaftsraum, aber als sich die Tür erneut öffnete, wurde Regis abgelenkt. Beim Anblick von Rian und Elorie stieg die Aufregung des Jungen sofort. Die Anwesenheit der beiden konnte nur bedeuten, dass die Gabenprüfungen bald losgehen würden.

Und tatsächlich, die Erste hielt, gefolgt vom Unterbewahrer, auf den Tisch zu, an dem Regis, Danilo, Sonea und Fianna saßen. Der Junge nickte bestätigend auf Elories Bemerkung, ob sie die erste Nacht in Arilinn gut überstanden hätten. Dann kam die Erste tatsächlich auf die bevorstehende Prüfung zu sprechen. Regis Herz fing an schneller zu schlagen, jedoch nicht vor Angst, sondern wegen seiner Vorfreude. Endlich würde er den nächsten Schritt hin zu seinem Traum machen können. Hoffentlich! Aber Keral hat gesagt, ich habe großes Potential. Es wird schon gut laufen! beruhigte Regis sich selbst.
Trotzdem meldete er sich nicht sofort, als Elorie fragte, ob jemand anfangen wolle. Was ist, wenn ich jetzt erfahre, dass ich gar kein Bewahrer werden kann? Zum ersten Mal war der Junge wirklich nervös. Sein Lebenstraum könnte in allernächster Zeit platzen. War er dazu bereit?

Doch Carolins Worte gaben Regis neuen Mut. Er schob seinen leeren Teller von sich fort und sah schüchtern zu Elorie auf.
"Ich fange an!" meinte er leise. Ganz überzeugt, dass er das Richtige tat, war der Junge nicht. Aber wie der Bewahrer gesagt hatte: Je schneller er es hinter sich brachte desto früher wüsste er Bescheid. Um die Prüfung kam er nicht herum und egal, wann er sie machte, es könnte gut oder schlecht ausgehen. Das Wissen um ein paar Minuten herauszuzögern brachte nichts. Deswegen könnte er genauso gut anfangen und ein gutes Beispiel für Sonea und Danilo abgeben. Beim Aufstehen straffte Regis die Schultern und sammelte sich.
"Was muss ich machen?", fragte er die Erste. Seiner Stimme war die Aufregung nicht anzumerken. Nur seine Augen funkelten nicht ganz so fröhlich wie sonst. Gleich würde sich alles entscheiden.


Rian Alton y Leynier
Natürlich entging weder Rian noch Elorie die nervöse Reaktion der Kinder. Alle drei schienen sich nicht wirklich wohl bei dem Gedanken zu fühlen, dass es mit der Prüfung auf ihre Gaben gleich ernst werden würde. Selbst der bis jetzt so wissbegierige Regis stürmte nicht vor, sondern starrte unentschlossen auf seinen Teller.
Der Unterbewahrer hatte solche Szenen in Neskaya schon oft erlebt. Die Gründe für das Zögern der Novizen waren wahrscheinlich vielfältig. Doch indem man ihnen alles erklärte und sie zu nichts zwang, entschieden sich alle früher oder später zum Mitmachen. In Neskaya hatte sich Rian oft um die Unentschlossenen gekümmert. Hier war es Elories Aufgabenbereich, in den der Unterbewahrer nicht ohne Aufforderung eindringen wollte. Mit unbewegter Miene hielt er sich deswegen hinter Elorie, die die Novizen aufmunternd anlächelte.

Die Erste ließ nach ihrer Frage ein wenig Zeit verstreichen, um die Kinder nicht unter Druck zu setzen. Sie sollten ganz in Ruhe entscheiden, ob sie bereit waren diesen Schritt zu gehen. Aber als sich nach einigen Minuten immer noch keiner geäußert hatte, wollte Elorie zu einer Ermunterung ansetzen, als Carolin ihr zuvor kam. Mit wenigen, sanften Worten schaffte er es, der Gabenprüfung ihren Schrecken zu nehmen und die Novizen zu ermutigen. Schnell warf Elorie ihrem Bewahrer einen dankbaren Blick zu, bevor sie sich wieder auf die drei Kinder konzentrierte.
Nach weiteren kurzem Zögern gab sich einer der beiden Jungen, Regis Elhalyn, sichtbar einen Ruck und verkündete leise, dass er anfangen würde. Aufmunternd nickte die Erste ihm zu und auch Rian sah den Jungen freundlicher als sonst an.
"Ich danke dir, Regis. Komm einfach erst einmal mit zu der Sofaecke. Dort werden wir alles weitere erklären. Ihr anderen könnt gerne ein wenig näher herankommen, um zu erfahren wie es weitergeht. Fianna zeigt euch, wohin ihr euch setzen könnt", antwortete Elorie auf Regis Frage, was er machen solle.

Regis setzte sich in Richtung auf die Sofaecke in Bewegung. Als die Erste ihm folgen wollte, bot ihr Carolin seine Hilfe an. Mit einer Handbewegung bedeutete sie Rian, sich kurz um Regis zu kümmern. Der Unterbewahrer nickte und schloss sich dem Jungen an. Elorie wandte sich dem Bewahrer zu.
"Wenn Ihr Euch gut genug fühlt, könntet Ihr die Prüfung von Danilo übernehmen. Ich werde dann Sonea prüfen und Rian Regis. Habt Ihr etwas gegen diese Aufteilung? Oder ist jemand anderes unzufrieden?", fragte sie am Schluss in den Raum hinein, um auch den Novizen und Rian die Möglichkeit zu geben ihre Wünsche zu äußern.
Der Unterbewahrer, der inzwischen neben Regis auf dem Sofa saß, schüttelte den Kopf. Ihm war es egal, wen er prüfen würde. Seine Arbeit würde er bei allen Dreien gleich gut erledigen. Und emotionale Präferenzen waren dem Charakter, der sich nach dem Ereignis mit seiner Familie entwickelt hatte, unbekannt.

Nachdem Carolin zugestimmt hatte, Danilo zu übernehmen und keiner der Novizen einen Einwand gegen seinen Prüfer hatte, kam Elorie zu Rian und Regis zur Sofaecke und setzte sich mit einem Lächeln zu dem Jungen den beiden gegenüber in einen Sessel. Der Unterbewahrer nahm von der Ersten einen Beutel mit einer Nullmatrix entgegen und beobachtete, wie sie sorgfältig den Kirian abmaß, den sie Regis reichte.
Ohne groß zu zögern trank der Junge den Inhalt des Kelches, doch Rian wusste, dass er in sich nicht so ruhig war. Der Unterbewahrer hatte bemerkt, dass die Aufregung und die Angst des Jungen in der Zeit, in der er neben Rian auf dem Sofa saß, immer größer geworden war. Aber da Regis sich selbst gut unter Kontrolle hatte, hielt der Alton es nicht für notwendig ihm gut zuzureden. Bei beherrschten Novizen machte es die Sache meistens nur schlimmer, wenn sie jemand direkt auf die Prüfungssituation hinwies, selbst wenn es gut gemeint war.

In der Zeit, die der Kirian zum Wirken brauchte, erklärte Elorie Regis und den anderen, wie die Prüfung ablaufen würde.
"In dem Beutel, den ich Rian gegeben habe, ist eine sogenannte Nullmatrix. Mit dieser werdet ihr euch während der Prüfung verbinden und sie damit zu eurer machen. Was das genau bedeutet, erkläre ich, wenn es soweit ist. Eure Aufgabe wird es sein, die Nullmatrix zum Leuchten zu bringen. Keine Sorge, das hört sich schwerer an, als es ist. Ihr könnt euch zum Beispiel vorstellen, dass ihr ein Feuer in der Matrix entfacht oder dass ihr ein Licht in die Matrix hineinführt. Wir Prüfer werden währenddessen eure Gaben erforschen. Ihr werdet von dieser Untersuchung gar nichts merken.
Das, was Regis eben getrunken hat, war Kirian. Diese Flüssigkheit hilft, stark verdünnt, den telepathischen Kontakt zu erleichtern. Dadurch wird die Prüfung für euch einfacher und für uns angenehmer."

Als Zeichen, dass er anfangen könne, nickte die Erste dem Unterbewahrer zu. Vorsichtig öffnete Rian den blauen Seidenbeutel und ließ die Nullmatrix auf seine Hand rollen. Dabei achtete er darauf, dem Zerren des Steines an seinem Geist nicht nachzugeben, da sich die Matrix sonst mit ihm verbinden würde. Leise und gelassen bat Rian Regis seine Hand auszustrecken. Als der Junge diesem Wunsch nachkam, legte der Unterbewahrer den Stein auf Regis ausgestreckte Hand.
"Versuche ihn zum Leuchten bringen", forderte Rian sanft. Dann wartete er auf den passenden Augenblick, um mit der Prüfung der Gabe des Jungen zu beginnen. Der Kirian würde den Kontakt vereinfachen, doch es war trotzdem von Vorteil, wenn der Geist des Novizen vollkommen auf die Aufgabe die Matrix zum Leuchten zu bringen, konzentriert war.


Regis Elhalyn
Regis wunderte sich, dass ihn seine Beine überhaupt bis zu der Sofaecke trugen. Er hatte das Gefühl auf Stelzen zu gehen, die er nur unzureichend unter Kontrolle hatte. Endlich auf dem Sofa angekommen, sah sich der Junge dem nächsten Problem gegenüber. Seine Knie und seine Hände zitterten leicht, doch er wollte auf keinen Fall, dass die anderen etwas davon mitbekamen. Deswegen stellte er beide Füße nebeneinander und drückte sie auf den Boden. Seine Finger faltete er so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Aber lieber weiße Knöchel, als zitternde Hände.
Zu seinem Glück war die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf Elorie gerichtet, die gerade die Prüfer für Regis und die anderen festlegte. Ein wenig zweifelnd schaute der Junge auf den neben ihn sitzenden Rian. Auch ihm war der emotionslose Mann etwas unheimlich. Aber er stand im Range eines Unterbewahrers, erinnerte sich Regis. Fast ein Bewahrer. Rian musste wissen, was er tat und Elorie hatte sich garantiert ebenfalls etwas bei der Einteilung gedacht. Und später würde er auch mit Menschen in einem Kreis arbeiten, die nicht alle seine Freunde waren - hoffentlich würde er mal in einem Kreis arbeiten...

Als Carolins und Elories Blick auf Regis liegen blieben, nickte der Junge, um sein Einverständnis mit der Einteilung kundzugeben. Dabei ertappte er sich, wie er nervös seine Hände knetete. Schüchtern schaute er, ob jemand das bemerkt hatte. Niemand ließ sich allerdings etwas anmerken.
Statt dessen kam nun auch die Erste zu der Sofaecke und setzte sich gegenüber von Regis und Rian in einen Sessel. Aus ihrem Ärmel nestelte sie drei Seidenbeutel und reichte einen davon an den Unterbewahrer. Regis Blick klebte an der blauen Seide. Er wusste, was in dem Beutel war: seine zukünftige Matrix. Dann griff Elorie zu dem Kelch und dem kleinen Fläschchen, die auf einem Tisch in der Nähe standen. Sorgfältig achtete die Erste darauf, dass nur wenige Tropfen aus der Flasche in das Wasser im Kelch fielen. Das musste Kirian sein. Sobald er getrunken hatte, würde die Prüfung losgehen. Plötzlich wurde Regis ein wenig schlecht. War er wirklich bereit? Wollte er wissen, ob er seinen Traum verwirklichen könnte? Wie ein in die Enge getriebendes Rabbithorn starrte der Junge den Kelch an. Er hatte große Angst. Ein größerer Teil in seinem Inneren wollte jedoch nicht mehr warten. Lieber schnell fertig sein und Bescheid wissen, als die Ungewissheit mit sich herumschleppen.

Plötzlich wurde Regis ganz ruhig. Langsam griff er nach dem Kelch, den Elorie ihm hinhielt und leerte ihn in einem Zug. Jetzt gab es kein Zurück mehr. In hoffentlich wenigen Minuten stand das Ergebis fest, was sein ganzes weiteres Leben beeinflussen würde. Die Erklärungen der Ersten gingen zum größten Teil an ihm vorbei. Er wusste schon, wie die Prüfung abllief. Das hatte er Keral oft genug gefragt.
Noch immer war er fast unnatürlich ruhig und als der Unterbewahrer ihn bat, die Hand auszustrecken, tat Regis es fast automatisch. Erst das kühle, eigentlich unmerkliche Gewicht auf seiner Handfläche ließ den Jungen in die Wirklichkeit zurückkehren. Fasziniert rollte Regis den Stein hin und her und bewunderte die kleinen, blauen Funken in seinem Inneren. Dann bemerkte er noch etwas anderes: ein leichtes Ziehen an seinem Geist. Der Junge schloss die Augen, um sich nicht von äußeren Eindrücken ablenken zu lassen. Ja, irgendetwas war da. Seltsam vertraut.

Unbehofen tastete Regis nach der Quelle des Ziehens und stellte fest, dass es die Matrix war. Davon hatte Keral nichts erzählt. Es fühlte sich allerdings auch nicht unangenehm an, also machte sich der Junge daran, die Matrix zum Leuchten zu bringen. Aber wie sollte er das anstellen?
Regis stellte sich vor, dass der Stein zu glühen anfing. Etwas verriet ihm jedoch, dass dieser Versuch fehlschlug. Dann versuchte er, den Stein 'anzuzünden'. Auch das klappte nicht. Zögernd hörte der Junge auf. Er hatte das Gefühl, er wusste, was er falsch machte. Noch vertraute er diesem Gefühl aber nicht und wollte die Matrix erneut 'anzünden'. Wieder ohne Erfolg. Ach, was solls!
Ohne weiter nachzudenken, überließ sich Regis seinen Gefühlen. In seinem Inneren erhob sich etwas Unvertrautes, jedoch nichts Fremdes. Regis gesamter Geist fühlte die Matrix, als ob sie zu seinem Körper dazugehören würde. Sie zum Leuchten zu bringen war jetzt nicht schwieriger, als zu Atmen. Und nicht nur die Matrix leuchtete. Auch diese Struktur im Geist des Jungen, der der einer Matrix so ähnlich war, glühte in einem sanften Blau. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte sich Regis wirklich komplett.
Als er seine Augen öffnete und auf seine Handfläche blickte, sah er den Sternenstein, wie er aus sich heraus funkelnd blau leuchtete. Ein breites, glückliches Lächeln legte sich auf seine Züge. Er hatte es geschafft!


Rian Alton y Leynier
Geduldig wartete Rian, bis Regis die Nullmatrix begutachtet hatte. Einen Novizen in dieser Phase der Prüfung zu drängen, brachte nichts. Das einzige Ergebnis wäre, dass sie sich verkrampften und auf Biegen und Brechen versuchten, den Sternenstein zum Leuchten zu bringen, aber genau das nicht passieren würde. Nur ein entspannter Geist fand einen Weg auf die ungewohnten Kräfte des Larans zuzugreifen und mit dieser ungeübten Fähigkeit, die Matrix an sich zu binden.
Also saß der Unterbewahrer ruhig auf dem Sofa, hielt den Kopf gesenkt und beobachtete nur durch seine eigene Matrix, wann Regis mit seiner Aufgabe anfangen würde. Nach einer Weile spürte der Alton die ersten, zaghaften Versuche des Jungen. Unbeholfen versuchte dieser, einen Kontakt mit seinem Sternenstein herzustellen, hatte aber noch nicht den richtigen Dreh heraus.

Auch für Rian war es noch zu früh, Regis auf seine Donas hin zu untersuchen. Seine Erfahrung teilte dem Unterbewahrer mit, dass der Junge nicht genug darauf konzentriert war, die Nullmatrix zum Leuchten zu bringen. Igendetwas schien den Novizen abzulenken. Wenn Rian die Fähigkeit hätte, sich zu wundern, wäre er jetzt verwundert. Regis war der einzige der drei Neuankömmlinge gewesen, der sich wirklich auf den Turm gefreut hatte und auch schon viel Wissen mitgebracht hatte. Warum gerade er bei dieser Prüfung nicht mit ganzen Kräften mitarbeitete, konnte sich Rian nicht erklären.
Trotzdem blieb der Unterbewahrer passiv. Egal, wieviel Zeit Regis brauchen würde, er würde sie ihm geben. Wieder spürte er einen unbeholfenen Versuch. Dann ein Innehalten.

Und plötzlich geschah das Unerwartete. Rians Verstand wurde von Eindrücken überflutet, die er im ersten Moment nicht vollkommen fassen konnte. Der Unterbewahrer spürte in dem Jungen eine Kraft erwachen, die vollkommen gegensätzlich zu seiner eigenen Alton-Gabe war. Diese Donas veränderte die gesamte Struktur von Regis Geist, machte ihn einer Matrix ähnlich und fing an im selben Rythmus zu pulsieren, wie der aktivierte Sternenstein auf der Hand des Jungen.
Beinahe erfurchtsvoll schaute der Unterbewahrer auf Regis und die leuchtende Matrix auf dessen Handfläche. Durch die Verbindung fühlte er, wie der gesamte Körper des Jungen und nicht nur der Geist mit dem Sternenstein arbeitete. Rian hatte eine Vermutung, um welche Gabe es sich handelte, aber er wollte eine Bestätigung von anderen, da diese Gabe so selten vorkam, dass es beinahe unmöglich war, einem Träger zu begegnen.

"Lass die Matrix weiter leuchten, Regis", wies der Unterbewahrer den Jungen an. Dann schaute er zu Elorie und Carolin und machte die Geste, die Telepathen verwendeten, um jemanden in einen Rapport einzuladen. Die Erste schaute ihn erstaunt an, folgte jedoch Rians Wunsch und ließ sich in eine Verbindung mit ihm fallen. Der Unterbewahrer wartete noch auf Carolin, bevor er beide an seinen Eindrücken von Regis teilhaben ließ. Stumm wartete der Alton auf eine Bewertung der ranghöchsten leronyn von Arilinn. Eigentlich gab es nur eine Erklärung für die einzigartige Arbeitsweise des Jungen:
Die Hastur-Gabe! Die seltenste, mächtigste und erhabenste aller Donas der Comyn.




Die Kreisarbeit ist die typische Arbeit in den Türmen. Dieser Kreis in Arilinn besteht aus dem Unterbewahrer Rian Alton y Leynier, dem Techniker Valentin Delleray, der Überwacherin Fianna Leynier und fünf anderen Mitgliedern.

Fianna Leynier
Ein warmer Wind kam ihrem Geist entgegen, der Kirschblüten mit sich trug. Zum ersten Mal seit viel zu vielen Tagen empfand sie Leannas Laran-Signatur wieder so, wie sie eigentlich sein sollte. Glücklich, unbeschwert, mit ihrem Herzen dort, wo ihre Bestimmung war.
Ich bin stolz auf dich! Trotz ihrer Entspannung merkte sie, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht schoss.

Du könntest diesen Platz genauso einnehmen, erwiderte sie, ohne damit ihre eigenen Fähigkeiten herunterspielen zu wollen. Sie hatten beide eine gute Ausbildung erhalten, die nötige Hingabe und auch das Talent. Wenn es darum ging, den Platz des Überwachers im Kreis einzunehmen, stand die eine der anderen in nichts nach. Dieses Mal hatte Rian sich für sie entschieden, das nächste Mal würde Fianna mit im Kreis sitzen. Der Tagwar zweifellos nicht fern, an dem sie beide ihren alten Überwacher ablösen würden. Fianna musste sich nicht wie eine Novizin fühlen, der man zum ersten Mal eine Aufgabe zuwies. Genau das hatte sie jahrelang geübt. Und es tat so gut, endlich wieder ihr Laran fließen zu lassen...

Die anderen Kreismitglieder nahmen ihre Plätze ein und entspannten sich, begannen langsam geistigen Kontakt zueinander aufzunehmen und warteten nur noch darauf, dass Rian seinen Platz im Brennpunkt einnahm und die Arbeit begann. Fiannas Schmetterlinge spreizten ihre Flügel. Vorsichtig und kaum merklich glitten sie zu denen, die sich bereits mit den anderen verbanden, setzten sich auf ihre Schultern, ihren Nacken, um Verspannungen zu lösen, korrigierten Muskelstellungen, um solche zu verhindern, und ließen sich auf ihrer Brust nieder, um sanft wie ein Flügelschlag den Atem anzugleichen und zu beruhigen.
Sie spürte ihre Signaturen, die Vertrautheit als Ganzes, den Kreis. Auf einmal war Thendara ganz weit weg, war nie gewesen, und der Name Keral Hastur war nicht mehr als ein flüchtiger Gedanke, nicht mehr als ein Bewahrer, dem sie manchmal in den Relais begegnet war. Ihre Seele atmete tief aus. Jetzt war sie zu Hause.


Rian Alton y Leynier
Nachdem diese Angelegenheit im allseitigen Einverständnis geklärt war, schloss Rian noch ein letztes Mal die Augen und stimmte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe ein, Dann setzte er sich auf den Platz, der dem Bewahrer zugewiesen war und wartete, bis es ihm alle nachgetan hatten. Der Unterbewahrer ließ seinen Blick über die Kreismitglieder schweifen, mit denen er sich heute zum ersten Mal verbinden würde. Die Erste lächelte ihm zu, die anderen waren in ihre Vorbereitungen vertieft. Rian nickte Elorie zu, schloss dann die Augen und sandte einen Gedankenfaden, der die Erste mit ihm als Bewahrer verband. Sie ließ sich routiniert in die Verbindung fallen. Als nächstes sandte er Valentin den Faden, der ihn mit dem Kreis verbinden würde. Es folgten Elana, Ginevra und Marco. Als letztes holte Rian Leanna in den Kreis.

Zuerst beließ der Unterbewahrer es bei einer lockeren Verbindung, um allen die Gelegenheit zu geben, sich an ihn als Bewahrer zu gewöhnen. Er ließ sich ausloten und erkundetete seinerseits die Vorzüge und Grenzen der Mitglieder seines Kreises. Von Elorie empfing er Sicherheit und das Geräusch eines plätschernden Baches. Valentins Signatur war die Berührung einer warmen Hand. Elana war ein prasselndes Feuer, Ginevra fühlte sich an wie ein sanftes Sommergewitter, Marco war eine wärmende Decke und von Leanna wehte ihm ein warmer Wind entgegen, der Kirschblüten mit sich trug. Alle schienen sich zu freuen, nach langer Zeit wieder in einem Kreis zusammenarbeiten zu können.

Nach einiger Zeit fasste er vorsichtig die Gedankenfäden fester, wies allen ihre Plätze zu und vertiefte die Verbindungen des Kreises. Manchmal liefen an den Verbindungsfäden vielfarbige Lichtreflexe entlang, deren Ursprung nicht ersichtlich war und die stärker wurden, je enger der Kreis zusammenrückte.
Sich selbst platzierte Rian etwas außerhalb, führte bei sich alle Fäden zusammen und bündelte die Kräfte. Seine eigene Gabe hielt er zum größsten Teil zurück. Er wusste, in diesem Kreis hatte noch niemand mit einem Alton als Bewahrer zusammengearbeitet. Bei der Arbeit, die sie heute vorhatten, war es auch nicht nötig, sie seiner vollen Kraft auszusetzen, was ein verstörendes Erlebnis sein konnte.

Heute wollen wir Batterien aufladen. Es sind mehr als sonst, da wegen Carolins Ausfall diese Arbeit nicht möglich war. Deswegen wird es länger und anstrengender als sonst. Ich habe dennoch vor, es in einer Kreisarbeit zu schaffen, aber ich bitte jeden mir mitzuteilen, wenn es ihm zu viel wird. Es ist kein Problem, die Arbeit zu unterbrechen und an einem anderen Tag weiterzuführen.
Bevor der Unterbewahrer mit der eigentlichen Arbeit anfing, wartete er suf die Bestätigungen der anderen.


Valentin Delleray
Valentin ließ sich auf seinem gewohnten Platz neben Elorie nieder und rückte ein Stück zur Seite, damit auch Elana Platz finden konnte. Es war das erste Mal, dass sich ihre Geister bei der Laran-Arbeit berühren würden. Nun konnte sie ihre Signatur nicht länger verstecken, auch wenn sie sonst nicht sehr begeistert Telepathie einsetzte.

Sein Magen verkrampfte sich, als er sah, dass Leanna diesmal ebenfalls einen Platz im Kreis einnehmen würde. Seine 'geschützte' Position zwischen der Ersten und ihrer neuen Mechanikerin würde ihm nichts nützen. Im Kreis würden sich ihre Signaturen finden, egal wo er sich befand.
Zuletzt hatte er sie gespürt, als er ihr offenbart hatte, dass er in Carolin verliebt war. Es war ein eisiger Wind gewesen, ein Sturm in dem Kirschblütenblätter so hart schnitten wie Glasscherben. Es hatte ihn beinahe den Verstand gekostet, wenn er seine Barrieren nicht hochgerissen hätte. Die Erinnerungen an diesen Moment, an den ganzen Tag, der unter Zandrus Wohlgefallen zu stehen schien, nagten in seinen Eingeweiden und trugen nicht gerade dazu bei, dass er sich für die Kreisarbeit entspannen konnte.

Versuch dich zu beruhigen. Versuch dich zu erinnern, wie es früher war. Bevor dieser Turm ins Chaos stürzte. Er schloss die Augen, sperrte bewusst alle Geräusche um sich herum aus, und griff nach seinem Sternenstein. Wenn Fianna als Überwacherin zu ihm vordrang, wollte er ihr nicht unnötig viel Arbeit aufladen. Oder gar als unfähig zur Kreisarbeit eingestuft werden.

Sein Verstand kehrte zurück zu den Tagen, als seine Gefühle für Carolin noch in tiefem Schlummer lagen. Damals, vor nichtmal einem Zehntag, als Leanna noch lächeln konnte. Und was für ein Lächeln. Sie hatte es geschafft, selbst im tiefsten Winter den Frühling nach Arilinn zu zaubern, wenn ihre Signatur wie beiläufig die seine streifte. Ihre Singstimme war für Festlichkeiten mittlerweile unverzichtbar geworden.
Er konnte es auf keinen Fall zulassen, dass sie den Turm verließ...

Als Fianna ihn erreichte, war sein Geist von Entschlossenheit erfüllt. Die Kreisarbeit war keine Bürde für ihn, sie sollte es auch nicht für Leanna sein. Er würde sie nicht in irgendeiner Form aus dieser Gemeinsamkeit reißen, und sei es, dass er ihre geistige Berührung fürchtete. Wenn nicht im Kreis, wo sonst zeigte sich die Stärke der Gemeinschaft der Leronyn?
Trotz allem musste Fianna bei ihm einige Verspannungen lösen - vorrangig in der Bauchgegend. Er konnte nicht leugnen, dass er trotz allem aufgeregt war.

Dann begann die erste Kreisarbeit unter Rian Alton. Valentin öffnete sich zögerlich, doch nachdem er spürte, wie behutsam der Bewahrer mit ihren Gedankenfäden umging, ließ er ihm freie Hand und verschmolz mit den anderen Kreismitgliedern zu einer Einheit. Es war anders, als mit Carolin zu arbeiten. Und doch glomm zwischen den ruhigen und geübten Handgriffen des Bewahrers immer wieder ein bunter Schein auf. Er erregte Valentins Aufmerksamkeit, doch wusste er auch, dass er sich aus dem Gefüge nicht mehr lösen konnte. Was es auch war, der seltsame Lichtschimmer beruhigte ihn, flößte ihm Vertrauen ein und half ihm, die Arbeit mit dem fremden Bewahrer als richtig zu empfinden.

Er lauschte der gedanklichen Ansprache Rians und lauschte in sein eigenes Inneres. Wenn er bis zum Ende durchhielt, würde er morgen völlig zerschlagen sein, aber nach der langen Zeit des Nichtstuns war eine ausdauernde Arbeit genau das, was er brauchte. Wie das Schwingen einer Saite sandte er seine Antwort an den Bewahrer.

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Frühlingsgöttin
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Die Entsagenden

Renata, eine junge Frau mit Amnesie, tritt vor die Gildenmutter des Gildenhauses Thendara, und bittet um Aufnahme. Bei ihr sind ihre Freundinnen und Gildenschwestern Catalina n'ha Rheba und Darea n'ha Elorie.

Devra n'ha Liraya [NSC]
Als es an die Tür klopfte, hob Devra n'ha Liraya, die Hausmutter des Gildenhaus Thendara, lächelnd den Kopf und antwortete mit einem ruhigen "Ja, bitte."

Sie hatte bereits gehört, dass im Gemeinschaftsraum eine leichte Unruhe entstanden war und war jetzt nicht weiter überrascht, dass man sie sprechen wollte. Der Gemeinschaftsraum wurde in der Regel nur in den Abendstunden intensiver genutzt und soviel Aktivität um die Mittagszeit ließ auf Probleme oder wenigsten wichtige Fragen deuten.

Auf ihren Gruß betraten Catalina n'ha Rheba, Darea n'ha Elorie und die junge Frau namens Renata, die vor einiger Zeit bei ihnen Unterschlupf gefunden hatte, den Raum. Alle drei wirkten nachdenklich und nervös und Devra versuchte ihnen etwas davon zu nehmen, indem sie sie freundlich anlächelte und ihnen mit einer Handbewegung wies, sich jeweils einen Stuhl zu nehmen und vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

"Nun, womit kann ich euch dreien helfen? War eure Reise ... erfolgreich? Und möchtet ihr mir jetzt davon berichten," vermutete sie. Sie wandte sich direkt an Renata. "Wenn du etwas über deine Vergangenheit erfahren hast, möchte ich dich dazu beglückwünschen, egal ob das, was du erfahren hast, gut oder schlecht war. Wenn man seine Vergangenheit kennt, kann man darauf basierend seinen Zukunft planen. - Und du musst mir nur das erzählen, was du erzählen willst. Wir akzeptieren dich so wie du bist und nicht so wie du vielleicht warst," versuchte sie der jungen Frau speziell die Nervosität zu nehmen.
Sie lehnte sich ein wenig zurück und wartete darauf, dass die jungen Frauen mit ihrem Bericht begannen.


Renata
Als Renata den Raum betrat, klopfte ihr Herz mit einer Aufregung, die sie lange nicht mehr verspürt hatte, und die sie auch nicht genau benennen konnte. Aber dieses Herzklopfen hatte etwas Vertrautes an sich. Sie war schon einmal in so einer Situation gewesen. Damals noch, in ihrem alten Leben. Ein Raum, schlicht eingerichtet, eine Gestalt im Halbdunkel ... Nur schattenhafte Umrisse ... ein beklemmendes Gefühl.
Catalina lächelte Renata aufmunternd zu und die junge Frau trat einen Schritt nach vorne. Mit den Worten der Gildenmutter wurde der Schleier der Vergangenheit aufgerissen, die düsteren Schemen von warmem Licht durchbrochen, und doch schien sich ein düsteres Abbild dieser Unterhaltung ein weiteres Mal abzuspielen. Irgendwo, verschüttet unter verlorenen Erinnerungen, wo Renata es nicht finden konnte.

"Ich..." Nervös begann sie, ihre Hände zu reiben. Das Gefühl der Vertrauthet war wie ein Pochen in ihrem Kopf. Sie fühlte sich jung, ängstlich, scheu, unerfahren und minderwertig. Unsicher, ob sie dem Gespräch standhalten würde. Eine leise Todesangst, obwohl dazu doch kein Anlass war. Welche Gefühle sprachen aus ihr? Stammten sie aus Thendara ... oder noch aus dem dunklen Schleier? "Ich habe in der Tat etwas über meine Vergangenheit erfahren. Und ich denke, es ist wichtig, dass auch Ihr davon erfahrt", sagte Renata stockend.
"Was du gewesen bist, interessiert mich nicht!", fuhr ihr eine Stimme unwirsch dazwischen. "Nur was du hier zu sein gedenkst, ist von Belang. Wenn du nicht bereit bist..." Die Erinnerung verschwamm kurz. "...solltest du gehen."

Als auch das Reiben nicht mehr ausreichte, begann sie sich mit den Fingernägeln zu kratzen. Nicht derart, dass sie sich damit Wunden hätte zufügen können, doch es lenkte ihre Gedanken ab, die noch immer wie ein eingesperrtes Tier versuchten, den Schleier zu zerfetzen ... und den schemenhaften Beobachter, der an Stelle der Gildenmutter stand, mit ihm.

"Ich bin eine Mörderin", sagte sie mit kalter Stimme und erhobenen Hauptes. "Ich habe gelernt, wie man mit dem Dolch Menschen umbringen kann, und ich habe es vielfach getan." Die Bilder ihrer Reise tauchten vor ihrem geistigen Auge auf, doch ihr Gesicht und ihre Stimme verrieten nicht, ob sie dabei überhaupt etwas fühlte. "Es waren auch Unschuldige dabei. Durch meine Vergehen habe ich den Hass eines Mannes auf mich gezogen, der mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin - so, wie die Schwestern Eurer Gilde mich gefunden haben. Er hat auch mein Kind getötet. Und nun hat er den Tod gefunden, durch meine Hand."
Sie machte eine Pause und sah auf ihre Hände. Erst jetzt bemerkte sie, was sie bis eben getan hatte, und ballte sie zu Fäusten, ehe sie ruhiger weitersprach. Eine ungewisse Angst saß ihr im Nacken. "Wenn Ihr mich dennoch aufnehmen wollt, obwohl es noch andere geben könnte, die ... zurecht hinter meinem Leben her sind ... würde ich gerne weiterhin im Gildenhaus bleiben und der Schwesternschaft beitreten. Ich weiß jetzt, wer ich war... Und dass ich es... vermutlich nicht mehr bin. Vielleicht finde ich hier heraus, wer ich nun sein kann. Ich ergebe mich ganz Eurem Urteil. Wenn Ihr mich der Stadtwache ausliefern wollt, werde ich keinen Widerstand leisten."


Devra n'ha Liraya [NSC]
Die junge Frau, Renata, war sehr nervös, fast schien es wolle sie weglaufen. Doch sie blieb und rieb statt dessen ihre Hände. Immerhin half es ihr insoweit, dass sie begann ihre Geschichte zu erzählen.

Diese war wahrhaft überraschend, aber doch nicht ungewöhnlich. Und sie schien mehr als bereit zu sein, diese Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das war das Wichtigste. Auch ihre Bereitschaft, sich den Konsequenzen ihrer vergangenen Taten zu stellen, fand die Anerkennung der Gildenmutter.

Und die besorgten Blicke der anderen beiden Entsagenden, sprachen ebenfalls für Renata. So lächelte die Hausmutter als sie sagte: "Natürlich nehmen wir dich gern in unsere Reihen auf, wenn du den Eid ablegen willst. Zunächst verpflichtest du dich für ein Jahr, welches gleichzeitig dein Hausjahr sein wird. Während dieser Zeit wirst du das Haus nur selten verlassen und dann nur in Begleitung langjähriger Mitglieder der Gilde. Dies ist vor allem zu deinem Schutz bis du unsere Regeln voll und ganz verinnerlicht hast."

"Wir werden uns dafür in dieser Zeit ein wenig umhören, ob Taten aus deiner Vergangenheit auftauchen und dann die entsprechenden Maßnahmen ergreifen. Du bist hier sicher, das verspreche ich dir. Was vergangen ist, ist vergangen. Hier und heute beginnt ein neues Leben," setzte Devra voller Wärme hinzu.

"Du kannst den Eid jederzeit ablegen. Überleg dir nur, wer als Zeuginnen und damit Eidesschwestern dabei sein soll. Und ob ich oder eine andere Gildenschwester dir den Eid abnehmen soll. Lass dir ruhig Zeit, dich zu entscheiden," schloß sie ihre kleine Rede.

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Frühlingsgöttin
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Die Bürgerlichen

Um Calebs Heimatdorf Adare nach einem verheerenden Brand wieder aufzubauen, verdienen er und sein Freund Angus ihr Geld mit Botenritten und Eskorten. Nach dessen etwas turbulenter Rückkehr besprechen die beiden beim Essen ihren nächsten Auftrag.

Caleb
Bei seiner Frau angekommen, sprang Caleb vom Pferd und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. "Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt", gab sie mit einem Seufzen zurück. "Wie du plötzlich schreiend heruntergestürmt bist. Und du!" Alisa wandte sich an Angus, der ebenfalls von seiner Stute geklettert war und dessen schalkhaftes Grinsen sofort erstarb. "Du solltest in Zukunft besser auf dich aufpassen. Caleb hat auch so schon genug um die Ohren." Sie meinte es nicht wirklich böse, doch das ganze Spektakel hatte sie sehr aufgeregt. Natürlich war sie froh, dass Angus wieder da war. Mit einem tadelnden Lächeln nahm sie die beiden Pferde entgegen und führte sie in das Dorf. Den Geldbeutel übernahm Angus und blieb mit Caleb noch eine Weile zurück.

"Da hörst du sie", gab ihr Mann mit ruhiger Miene, aber Stolz in seiner Stimme zurück. Er warf einen Blick in den geöffneten Beutel, den Angus ihm hinhielt. "Bevor du zurückkamst, war Alisa so sanft und unschuldig. Man merkt, dass sie deine Frau geworden ist, Wolf..." Der Angesprochene machte seinem Namen alle Ehre, indem er wölfisch grinste. Sein Freund hatte ja keine Ahnung, wie froh er war, dass er wieder hier war. Auch wenn sein Lohn deutlich geringer ausgefallen war als er erwartet hatte. Wenigstens war er wieder hier und hatte überhaupt noch Sekal in den Taschen. Bei einem Dorf, das zu einem Großteil aus Gesetzlosen oder Versierten bestand, war er für jeden vertrauenswürdigen Mann dankbar. Er klopfte ihm auf die Schulter und nahm den Beutel zur Sicherheit an sich.

"Ich schicke besser jemand anderen, um unsere Vorräte aufzustocken." Angus schnaubte beleidigt, doch dann merkte er auf, als ihm die dunklen Augen seines Freundes einen Seitenblick bescherten. "Ich brauche dich in einer wichtigeren Angelegenheit. Wasch dich und dann komm zu uns zum Essen, ich erkläre dir alles." Als sie den Pfad ins Dorf beschritten, traten die meisten anderen gerade erst aus ihren Hütten und begrüßten die beiden Männer freundlich, ehe sie sich an die Arbeit machten. Vor allem der lederne Beutel in Calebs Hand wurde aufmerksam gemustert. Wolf fühlte sich sehr wohl, während er die Straße entlangschritt und zu seinem Haus zurückging, in dem er mit Alisa und ihrem Vater wohnte. Angus bog irgendwann in eine Seitengasse ab und betrat dort eine spärliche Holzhütte, die er sein Eigen nannte.

Aus der Scheune trat seine Frau mit einem Bündel Heu, das sie den beiden Pferden im Gatter vorsetzte. Die Traufe war bereits mit frischem Wasser gefüllt und die Pferde an einem Pfahl angebunden, damit sich beide erst einmal beruhigen und abgerieben werden konnten. Alisa lächelte ihm zu, als er an ihr vorbeiging, offenbar war das Ereignis von eben schon aus der Welt. Knarzend schloss sich die Tür hinter ihm, in einer Nische saß Alisas Vater auf einem Schemel und flickte mit einer Hand eine Pferdedecke, die er mit seinem steifen Arm festhielt. "Er ist also wieder zurück?", fragte der alte Mann und musterte Wolf aus seinem nicht erblindeten Auge. Caleb ließ den Inhalt des Beutels auf den Tisch fallen und begann, die Münzen zu zählen. Es war wirklich deutlich weniger als er erwartet hatte. Doch mit dem Auftrag, den sie zu erfüllen hatten, würde es reichen.

Adare war weit vom Hungertod entfernt. Sie waren alle arm, doch noch musste keiner von ihnen ums Überleben fürchten. Wenn nötig würde Caleb sogar Donovan verkaufen, um ihnen den Winter zu sichern. Das Pferd war nicht geschunden und würde auf dem Markt noch einiges an Geld bringen. Er hatte kein Brandzeichen gesehen, jemand musste es bereits als Füllen gestohlen haben, noch ehe man es markiert hatte. Somit würde man ihn auch nicht als Pferdedieb verhaften können... "Du scheinst mit seiner Ausbeute nicht sehr zufrieden zu sein." Caleb nickte und schob die Münzen in den Beutel zurück. Er musste sich überlegen, was von dem Geld besorgt werden sollte. Der Alte lächelte still in sich hinein.

"Angus weiß, was er tut. Ich kann ihm seine Laster nicht nehmen, aber ich weiß, dass er seine Aufgabe ernst nimmt. Dies ist auch seine Heimat", gab Caleb zurück. Er öffnete eine kleine Truhe und legte den Beutel zu einigen anderen, die dort noch lagen. Die meisten waren leer... "Du hast dich wirklich sehr verändert, Wolf. Als ich dich wiedersah, hätte ich am Liebsten vor dir in den Sand gespuckt. Aber du scheinst begriffen zu haben, wie man Verantwortung übernimmt. Dein 'Rudel' verdankt dir sehr viel. Ich hoffe, dass ein wenig auf ihn abfärbt." Caleb entgegnete darauf nichts, sondern begann einige Scheite Feuerholz unter den Kessel zu stapeln und mit Reisig zu bedecken. Ihm bedeuteten diese Worte viel, doch sein Schwiegervater hatte in einigen Dingen Unrecht.

Er war kein 'Leitwolf' geworden, weil er Verantwortung tragen wollte. Er hatte eine Schuld zu begleichen. Und nachdem er jahrelang wie ein Bluthund den falschen Herren gedient hatte, wollte er nun seine eigene Existenz aufbauen und Jaelle beweisen, dass er es wert gewesen war, von ihr gerettet zu werden. Das war etwas, das Angus von ihm lernen konnte. Wieder schwang die Tür auf und Alisa trat ein. "Die Pferde sind versorgt, aber ihr solltet sie nicht noch häufiger so zugrunde richten. Donovan ist noch immer ganz aufgebracht." "Was ist denn passiert?", fragte ihr Vater verwundert. "Banshees", entgegnete Caleb schlicht und ging nach draußen, um Wasser für die Suppe zu holen. Er konnte noch mithören, wie Alisa die Geschichte ausschmückte und lächelte leicht.

Kurze Zeit später hatte ein angenehmer Duft nach Trockenfleisch und Feldfrüchten die Hütte erfüllt. Vier Schalen waren an dem kleinen Tisch verteilt und ein kleiner Brotlaib lag in der Mitte. Alisa hatte die Arbeit ihres Vaters beendet und mit sauberen Stichen die Decke fertig geflickt. Nun füllte sie mit geübten Händen die Suppe in die Schälchen, während Caleb einige Scheiben Brot abschnitt. Wie aufs Signal trat Angus ein und begrüßte die Anwesenden. "Jetzt fühle ich mich gleich viel besser! Und rieche auch nicht mehr so streng", fügte er mit einem Grinsen hinzu, als er sich setzte. Er trug ein frisches Hemd und eine saubere Hose. Seine Haare waren noch nass und hingen ihm zum Teil ins Gesicht. "Vielen Dank für das Essen. Es tut gut, wieder hier zu sein." Alisa war über die Häuslichkeit ihres Besuches überrascht, lächelte aber sanft. "Lass es dir schmecken."

Sie wusste bereits, worüber Caleb mit ihm reden wollte, er hatte es ihr beim Kochen erzählt. Es gefiel ihr nicht, dass die beiden so schnell wieder aufbrechen wollten, aber sie konnte ihren Mann nicht daran hindern. Sie brauchten das Geld. Es gab noch immer einige beschädigte Hütten, und solange das Wetter trocken blieb, mussten sie genügend Holz und Vorräte haben. Ein Stall sollte auch gebaut werden, damit sie im Frühling neues Vieh kaufen konnten und es im Winter nicht erfror. Trotzdem hasste sie es, wenn er fortging... Beim Essen schilderte Angus noch einmal genauer seine Reise, auch wenn er heiklere Passagen ausließ. Caleb verstand sie ohnehin zwischen den Zeilen. Dann zogen sich Alisa und ihr Vater zurück, damit Wolf über den neuen Auftrag sprechen konnte. "Es sind keine zwei Wochen mehr bis Mittsommer und ein Händler aus Tyall will, dass wir ihm bis nach Thendara Geleitschutz geben. Anscheinend macht Rannan noch immer die Gegend unsicher." Er stockte kurz. "Die Entlohnung wäre mehr als ausreichend. Seinen Waren nach zu urteilen, kann er es sich auch leisten."

"Dann sollten wir annehmen", nickte Angus. "Und du willst, dass ich mitkomme? Wann will er abreisen?" Caleb nickte ebenfalls. "Übermorgen. Er ist momentan mit seinen Waren noch in einem Nachbardorf und macht einige letzte Besorgungen. Ich sagte ihm, dass ich auf keinen Fall ohne dich aufbreche. Es sind mehrere Wagen, da brauche ich scharfe Augen." Sein Freund lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Thendara also? Das wird ein weiter Weg." "Wir nehmen die Straße von Neskaya nach Syrtis und von da aus einen Pass durch Alton bis nach Hastur. Das wird kürzer sein als die verstopften Straßen. Nur in den Hellers müssen wir uns in Acht nehmen. Also, ruh dich aus und pack deine Sachen. In zwei Tagen brechen wir im Morgengrauen auf. Und Angus..." Wieder ein wölfisches Grinsen. "Diesmal keine Banshees, bitte."

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